Infantile Tetraspastik
Der
Grund für eine infantile Tetraspastik ist meist eine Störung vor, während
oder nach der Geburt. (pränatal,
perinatal, postnatal).
Synonyma
für infantile Tetraspastik sind angeborene Tetraspastik oder auch Morbus
Little.
Zu
diesem Krankheitsbild zählen neben der Spastik auch weitere Bewegungsstörungen
wie Dykinesien, Ataxie und Mischformen.
Da
jedoch die Spastik und deren Auswirkungen bei den meisten Betroffenen eindeutig
im Vordergrund steht, bezieht sich der folgende Text auf diese Sympomatik.
Definiert
ist die infantile Tetraspastik als „bleibende, aber nicht unveränderbare
Haltungs- und Bewegungsstörung infolge einer prä-, peri- oder postnatalen
zerebralen Funktionsstörung, die eingetreten ist, bevor das Gehirn seine
Reifung und Entwicklung abgeschlossen hat“ (Spastic Society, Berlin, 1966). Es handelt sich also um eine Erkrankung der ersten Lebenstage eines Menschen. Allerdings hat sie lebenslange Auswirkungen, die entsprechender Therapien bedürfen und von denen die Betroffenen auch im Erwachsenenalter, z.B. im Rahmen einer stationären Rehabilitation profitieren.
Infantile Tetraspastik:
Ursachen und Folgeschäden
Die
Ursache für eine infantile Tetraspastik ist meist Sauerstoffmangel des
Neugeborenen. Die
einzelnen Ursachen werden von den Fachgesellschaften folgendermaßen eingeteilt:
Die
Folgeschäden einer infantilen Tetraspastik lassen sich wie folgt beschreiben :
Diparese
(Diplegie):
Hemiparese
(Hemiplegie):
Tetraparese
(Tetraspastik, Quadriplegie)
Infantile Tetraspastik:
Behandlung in der Reha
Bei
der Behandlung von Patienten mit einer spastischen Tetraparese im Rahmen einer
stationären Rehabilitation ist zu beachten, dass es sich meistens um jüngere
Erwachsenen handelt, die überwiegend berufstätig sind.
Der
zuständige Kostenträger hat somit ein hohes Interesse an der weiteren
beruflichen Leistungsfähigkeit der Betroffenen und dies sollte sowohl bei den
Therapien als auch in der abschließenden sozialmedizinischen Beurteilung berücksichtigt
werden.
Spastik
wird definiert als „erhöhter geschwindigkeitsabhängiger Dehnungswiderstand
des nicht willkürlich vorinnervierten Skelettmuskels“.
Dabei
sind nicht nur die betroffenen Wirkmuskeln (Agonisten), sondern auch deren
Gegenspieler (Antagonisten) betroffen.
Bei
Behandlungen von Patienten mit infantiler Tetraspastik
in der Wicker Klinik Bad Wildungen sollte zunächst
eine sorgfältige klinisch neurologische Untersuchung am Anfang der Aufnahme in
die Rehabilitation erfolgen. Wichtig für
die Therapieplanung und den Therapieerfolg in der Rehabilitation ist die Frage
nach Begleitsymptomen. Zu nennen sind hier z.B.
Schmerzen,
Blasen- u. Mastdarmstörungen, einschießende Spasmen am Abend und in der Nacht
mit entsprechenden Schlafstörungen
usw..
Bei
Bedarf können in der Wicker Klinik Bad Wildungen oder auch im
Unternehmensverbund erforderliche diagnostische Untersuchungen durchgeführt
werden. Dies betrifft sowohl neurophysiologische Untersuchungen wie die Messung
der so genannten evozierten Potentiale oder transcranielle Magnetstimulation als
auch die evtl. notwendigen neuroradiologischen Untersuchungen wie Computer- u.
Kernspintomographie sein.
Die
Physiotherapie stellt in der
Rehabilitation bei der Behandlung von Patienten mit infantiler Tetraspastik die
wichtigste Säule dar. Dabei ist der Schwerpunkt der Physiotherapie das Training
verbliebener motorischer Funktionen und die Vermeidung von Folgeschäden wie
Muskelsehnen und Gelenkkontrakturen. Die Physiotherapie in der Rehabilitation
findet dabei in Einzel- u. Gruppentherapie statt, die Therapien erfolgen zum
Teil im Wasser. Eine zusätzliche Therapiemöglichkeit in der Wicker Klinik Bad
Wildungen bietet die Hippotherapie. Übungen und Therapieanleitungen auf dem
Pferd finden mit Hilfe von zwei Therapeuten in einem Zentrum für
therapeutisches Reiten in Bad Wildungen statt. Durch den dreidimensionalen
Bewegungsablauf profitieren hierbei besonders Betroffene mit einer spastischen
Tonuserhöhung der Beine. Oft berichten die Patienten, dass diese Therapieform
nicht nur eine völlig neue Erfahrung ist, sondern sie auch in ihrer Auswirkung
und Linderung anders erlebt wird wie herkömmliche Physiotherapie. In der klassischen
Physiotherapie in der Rehabilitation werden verschiedene Verfahren verwendet, zu
nennen sind hier in erster Linie Bobath und Voijta. Vor
45 Jahren kamen die Krankengymnastin Berta Bobath und ihr Mann, Karel, ein
Neurologe und Psychiater, zu der Erkenntnis, dass das Zentralnervensystem aus
der Peripherie über die Sinnesorgane auf sensorischem Weg durch Lageveränderungen
beeinflusst werden kann. Das Prinzip der Behandlung
basiert auf drei Behandlungstechniken:
Inhibition:
Stimulation:
Ziele: Dabei ist das Ziel in der
Therapie die Hemmung von pathologischen Reflexmustern, die sich im Laufe der
Spastik einstellen. Dies betrifft in erster Linie die Beugespastik an den Armen
und vor allem die Spastik an den Beinen. Dr.
Vaclav Vojta, Neurologe, entdeckte bei der Behandlung von jugendlichen
Spastikern, dass der wechselhafte Muskeltonus mit bestimmten Druckpunkten geändert
werden konnte. Durch systematische Studien und Vergleiche mit der
Entwicklungsneurologie von Säuglingen merkte er, dass er auf ein
ontogenetisches Prinzip gestoßen war. Er sammelte alle Daten und entwickelte
ein neurophysiologisches Bahnungssystem. Damit konnten angeborene physiologische
Bewegungsmuster, die durch eine frühkindliche Hirnschädigung in ihrer
Entwicklung blockiert oder durch Trauma verloren gegangen sind, wieder
hergestellt werden.
Seine
Methode wird auch Reflexlokomotion genannt:
Ziele
seiner Therapie sind:
Eine weitere Therapiemethode
für die Behandlung in der Rehabilitation für die infantile Tetraspastik
ist die so genannte propiozeptive neuromuskuläre Facilitation (PNF). Diese
Methode nach Knott (Krankengymnastin) und
Kabat (Physiologe) baut sich aus verschiedenen neurophysiologischen Techniken
auf. Die Methode führt zur Bahnung von Bewegungen über die funktionelle
Einheit von Nerv und Muskel. Die
Stimulationen sind taktil, visuell und verbal. Gleichzeitig geschehen
propriozeptive Reize über Dehnung und Gelenktraktion (Zug). Ziel
des PNF ist es, koordinierte, physiologische Bewegungsabläufe zu erlernen und
pathologische Bewegungsmuster abzubauen und den Muskeltonus, die Muskelkraft und
die Muskeldehnung zu normalisieren. Diese Methoden führen teils
zu einer Reduktion der spastischen Tonuserhöhung, sie zielen ferner auf die
Folgeschäden der Erkrankung hin wie z.B. Vermeidung von Kontrakturen und
Verbesserungen der Durchblutung und somit Vermeidung von Druckgeschwüren.
Das
Pflegepersonal der Wicker – Klinik ist nicht nur über das Krankheitsbild
informiert, sondern beherrscht auch die standardisierten Techniken zur
Mobilisation und Pflege der Patienten, wie z.B. die Bobath – Technik.
Die
Abteilung Ergotherapie arbeitet ebenfalls tonussenkend mit den Betroffenen,
besonders im Bereich der Arme. Hier können auch feinmotorische Defizite und
bestimmte Alltagsübungen, wie z.B. Schreiben oder Kochen entsprechend geübt
werden.
Hierzu
finden gezielte Übungen in der Rehabilitation in Einzel- u. Gruppentherapie
statt. Zusätzlich ist die Ergotherapie zuständig für die Beratung und
Versorgung mit Hilfsmitteln wie z.B. Überprüfung der Rollstühle,
Toilettensitzerhöhungen, Greifhilfen im Badezimmer u.a.. Möglichkeiten zur
Beratung von Angehörigen bei infantiler Tetraspastik bestehen
ebenfalls.
Die
Abteilung behandelt neben den
sensorischen oder motorischen Defiziten der oberen Extremitäten auch in
Zusammenarbeit mit den Neuropsychologen der Klinik die oft sehr
unterschiedlichen kognitiven Defizite der Patienten. Hierbei kann es sich um
leichte Störungen des Kurzzeitgedächtnisses oder schwere hirnorganische
Psychosyndrome handeln. Die Einbeziehung der Angehörigen mit entsprechender
Aufklärung ist dabei von großer Wichtigkeit.
Selbstverständlich
ist die Ergotherapie auch zuständig für die Beratung von Hilfsmitteln bei
diesen Betroffenen. Hierzu zählen neben einfachen Hilfsmitteln wie
Toilettensitzerhöhungen, bestimmte Haltegriffe im Bad auch aufwendigere und
kostenintensive Maßnahmen wie z.B. Elektrorollstuhl oder Treppenlifter. Die
genaue Kenntnis der häuslichen Verhältnisse, die entweder durch persönliche
Inspektion oder entsprechende Schilderung des Betroffenen oder seiner Angehörigen
erfolgt, ist dabei Voraussetzung für eine erfolgreiche Beratung. Diese
Hilfsmittelberatung findet jedoch nicht nur theoretisch, sondern in der Wicker
Klinik Bad Wildungen praktisch statt. Zu nennen sind hier das Wiedererlernen der
Fahrtauglichkeit mittels einen behindertengerechten Pkw’s in Kooperation mit
einer Fahrschule vor Ort und einem Mitarbeiter der Abteilung Ergotherapie oder
das Anleiten und Wiedererlernen von Kochen in der Übungsküche mit den
entsprechenden höhenverstellbaren Materialien.
Da
die Patienten mit einer infantilen Tetraspastik oft an schmerzhaften
Kontrakturen leiden, ist eine zusätzliche Schmerzbehandlung in der
Physikalischen Therapie oft notwendig und wird als wohltuend erlebt. Zu nennen
sind hier Laser, Hochvolt, Ultraschall oder auch das Erlernen mit dem TENS-Gerät.
Auch Massagen und Bäder sind für diese Patienten oft sehr entspannend.
Probleme
am Arbeitsplatz, Einstufung nach dem Schwerbehindertengesetz oder neue
Entwicklungen im Rentenrecht sind die Domäne der Sozialberatung. Bei Bedarf
setzen sich die Mitarbeiterinnen mit den örtlichen Behörden, dem
Versorgungsamt und auch dem Arbeitgeber in Verbindung.
Eine
exakte sozialmedizinische Beurteilung, die auch eine prognostische Bewertung der
weiteren beruflichen Leistungsfähigkeit enthält, wird vom behandelnden Arzt im
Entlassungsbericht in Absprache mit dem Therapieteam verfasst.
Mit
welchen Medikamenten wird die infantile Tetraspastik
behandelt?
Die
medikamentöse Behandlung ist oft schwierig, da fast alle antispastischen
Medikamente die Erregbarkeit der so genannten Alphamotoneurone unspezifisch
hemmen und somit eine eigentliche Funktionsverbesserung nicht erreicht wird.
Wenn die infantile Tetraspastik mit Lähmungen verbunden ist, kann durch die
Wirkung der Medikamente sogar eine Verstärkung der Lähmung erreicht werden.
Auch ist ein sorgfältiges Abwägen der Dosierung sehr wichtig und gehört in
die Hände eines erfahrenen Arztes. Manche Betroffene mit infantiler
Tetraspastik „brauchen“ einen Teil ihrer Spastik zum Erhalt der Gehfähigkeit.
Eine völlige Reduktion der spastischen Tonuserhöhung mit häufigem Wegknicken
und Ganginstabilität sollte nicht der Zielpunkt der medikamentösen Therapie
sein. Weiterhin sind die zentral dämpfenden und atemdepressiven Nebenwirkungen
der Medikamente unbedingt zu beachten und sollten bei Behandlung der angeborenen
Tetraspastik entsprechend vorsichtig eingesetzt werden. Erhöhte Schläfrigkeit
bereits am späten Vormittag oder zunehmende Atemprobleme sind häufige Zeichen
einer zu großzügigen Dosierung der Medikamente.
Medikamente
der ersten Wahl zur Behandlung der infantilen Tetraspastik sind Baclofen und
Tizanidin (Handelsnahmen Lioresal, Lebic und Sirdalud). Weitere Medikamente sind
Diazepam (Handelsname Valium), Tetrazepam (Handelsname Musaril), Clonazepam
(Handelsname Rivotril), Antilepsin oder auch Dantrolen (Handelsname Dantamacrin).
Ein weiteres neues Medikament zur Behandlung der infantilen Tetraspastik ist
Tolperison (Handelsname Mydocalm).
Diese
Medikamente müssen in ihrer Auswirkung und Dosierungsanleitung dem Arzt in der
Rehabilitation bekannt sein und auch bei Nichteinsatz muß der Arzt in der Lage
sein, den Patienten hierzu kompetent zu beraten.
Zielpunkte
des Einsatzes der Medikamente ist nicht nur die Reduktion einer schweren
spastischen Tonuserhöhung, die sich trotz gezielter Krankengymnastik nicht
bessert, sondern auch die Vermeidung von schmerzhaften Muskelspasmen und die
Erleichterung der Pflege der Betroffenen. Dabei ist auch die tageszeitliche
Dosierung zu beachten, häufig leiden Patienten mit infantiler Tetraspastik z.B.
an nächtlich einschießenden Spasmen. Hier hat sich der Einsatz von niedrig
dosierten Tizanidin (Sirdalud 2-4 mg) recht gut bewährt. Eine weitere Form der medikamentösen Therapie ist die Injektion von Botulinum-Toxin, die in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Dabei ist zu beachten, dass in diesem Fall die Spastik in einem umschriebenen Bezirk sein sollte wie z.B. Adduktorenspasmus oder spastischer Spitzfuß. Die entsprechenden Medikamente werden in die betroffene Region gespritzt, dies sollte ein erfahrener Arzt durchführen. Handelsname von diesen Medikamenten sind z.B. Dysport oder Botox. Bei Bedarf kann diese
Behandlung im Unternehmensverbund der Wicker Klinik in der
Neurologischen
Klinik Westend durchgeführt werden. Der Oberarzt der Klinik, Herr auf dem
Brinke verabreicht Botulinum-Toxin-Injektionen ambulant. Gelegentlich ist die
Kostenübernahme dieser nicht billigen Methode während der Rehabilitation
problematisch, da sie von den Kostenträgern zusätzlich übernommen werden muss.
Der Pflegesatz für eine stationäre Rehabilitation schließt diese Behandlung
nicht ein und in den heutigen budgetierten Zeiten müssen solche Kosten zusätzlich
kalkuliert werden. Daher muss vor Applikation dieses Medikaments unbedingt eine
Absprache mit dem Kostenträger erfolgen.
Schließlich
ist als weitere Therapieform bei der ausgeprägten Spastik und nicht Ansprechen
von Oralmedikamenten die intrathekale kontinuierliche Infusion von Baclofen zu
nennen. Hierbei wird in das Rückenmark eine Pumpe eingebaut, die individuell
tageweise bestimmte Mengen von dem antispastischen Medikament abgibt und somit
über eine angepasste Flussgeschwindigkeit verfügt. Patienten mit infantiler
Tetraspastik, die für diese
Therapien infrage kommen, können in der Werner-Wicker-Klinik Bad Wildungen/Reinhardshausen,
Abteilung Neurochirurgie hier sehr kompetent und gut beraten werden.
Die
Wicker – Klinik Bad Wildungen verfügt über 35 behindertengerechte Zimmer,
die auch für Rollstuhlfahrer gut geeignet sind.
Die
Ärzte und Therapeuten der Klinik bilden sich regelmässig über neue
Behandlungsmethoden der infantilen Tetraspastik fort und geben dieses Wissen an
ihre Kollegen weiter.
Grundsätzlich
stehen die Ärzte der Klinik sowohl den Patienten als auch deren Angehörigen für
Gespräche und Fragestellungen jederzeit zur Verfügung. Die Klinik ist nach den Qualitätsgrundsätzen der DIN-EN ISO 9001 zertifiziert. Die Behandlung der Patienten erfolgt nach den Richtlinien und Vorgaben der jeweiligen Kostenträger. Jeder Chefarzt hat eine langjährige Erfahrung aus seinem Fachgebiet, je nach Schweregrad und Krankheitsverlauf werden individuelle Therapien bei den Patienten durchgeführt.
Mit den besten Wünschen für Ihre
Gesundheit!
Zur Klärung weiterer medizinischer Fragen und Behandlungs- bzw. Therapiemöglichkeiten steht Ihnen unser Chefarzt im persönlichen Gespräch gerne zur Verfügung. Bitte vereinbaren Sie zuvor einen Termin in unserer Privatambulanz.
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